Bundesschülerkonferenz „Mentale Belastung betrifft alle“
Beitrag auf sozialraum-altona.deArtikel im deutschen Schülerportal über die deutsche Bundesschülerkonferenz Ende Januar 2026 mit dem Scherpunktthema „Mentale Belastung von Schüler*innen.
200 Schülerinnen und Schüler trafen sich Ende Januar in Berlin zum Bildungskongress der Bundesschülerkonferenz. Im Mittelpunkt von Diskussionen, Workshops und beim Netzwerken stand die Krise der mentalen Gesundheit an Schulen.
Wir haben die neue Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, Amy Kirchhoff, gefragt, welche Erkenntnisse die Veranstaltung gebracht hat und wo sie die Schwerpunkte ihrer einjährigen Amtszeit sieht.

Amy Kirchhoff: Das Thema „Mentale Gesundheit“ ist den Lehrkräften und Schulleitungen zwar immer mehr bewusst, aber das Problem ist, glaube ich, die Ressourcenfrage. Es geht ja allen Beteiligten an Schule nicht so gut. Aber es fehlt das Personal, um genauer darüber zu sprechen. Und wenn die Menschen, die das machen müssten, selbst überlastet sind, oft fachfremd unterrichten und den Unterrichtsausfall kompensieren müssen, bleibt einfach nicht die Zeit, solche Themen zu setzen
Welche Ergebnisse oder Erkenntnisse hat der Kongress noch gebracht?
Das wichtigste Ergebnis ist, dass wir noch mal gesehen haben, wie akut dieses Thema ist. 200 Schülerinnen und Schüler sind in ihrer Freizeit nach Berlin gereist, um über mentale Gesundheit zu sprechen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Krisensituation der mentalen Gesundheit in Deutschland den Jugendlichen ein großes Anliegen ist.
Amy Kirchhoff: Es gibt großen Gesprächs- und Handlungsbedarf. Wir brauchen mehr Geld, um multiprofessionelle Teams und um Fort- und Weiterbildungen zu finanzieren. Aber auch, um in Medienkompetenz zu investieren. Schließlich wirkt sich der Stressfaktor Social Media negativ auf die mentale Gesundheit aus. Statt Handyverbote oder Altersgrenzen einzuführen, die keiner umsetzen kann, brauchen Schulen mehr Ressourcen, damit Kinder und Jugendliche einen sicheren Umgang mit Social Media lernen. Denn um auch im Netz resilient zu sein, muss man sich damit auseinandersetzen.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bildungskongresses kamen aus allen Bundesländern, aus unterschiedlichen Schulformen und Altersklassen. Gab es etwas, was Sie im Austausch überrascht hat, etwas, das Sie so nicht erwartet hatten?
Amy Kirchhoff: Ja, mich hat tatsächlich sehr überrascht, wie unterschiedlich die sozioökonomischen Hintergründe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren, also aus welchen familiären und finanziellen Verhältnissen sie kommen. Das hat mir noch mal gezeigt, dass das Thema wirklich klassenübergreifend gedacht werden muss. Und das nicht nur im Sinne der Jahrgangsstufen, sondern auch im Sinne der Gesellschaftsklassen.
Bei Menschen, die in Bayern aufs Gymnasium gehen, ist mentale Gesundheit ein genauso großes Thema wie bei Oberschülerinnen und -schülern in Sachsen oder Realschülerinnen und -schülern in Rheinland-Pfalz. Das ist schulformübergreifend, altersübergreifend, und es ist auch wirklich egal, aus welchem familiären und sozioökonomischen Hintergrund man kommt – mentale Belastungen betreffen alle, und damit das Leben für alle besser wird, muss darüber gesprochen werden.
Der Stressfaktor Social Media wirkt sich negativ auf die mentale Gesundheit aus. Welche konkreten Forderungen richtet die Bundesschülerkonferenz an Kultusministerien und Schulen? Und was ist Ihr Appell an die Bundesbildungsministerin?
Amy Kirchhoff: Es gibt einen vielfältigen Verbesserungsbedarf, den wir bereits 2025 in unserem 10-Punkte-Plan zur mentalen Gesundheit zusammengefasst haben und der weiterhin aktuell ist. Besonders betonen möchte ich aber, dass wir mehr Personal brauchen. Dazu gehören multiprofessionelle Teams – aber insbesondere die Schulsozialarbeit und die schulpsychologischen Dienste. Sie müssen ausgebaut und dürfen nicht abgebaut werden. Denn anders als Lehrkräfte, die die Schülerinnen und Schüler ja am Ende eines Schuljahres auch benoten, sind sie unabhängige Vertrauenspersonen. Genau die müssen konstant für Schülerinnen und Schüler ansprechbar sein und dürfen nicht mal drei Monate da, mal drei Monate weg sein, weil die Finanzierung unklar ist.
Sozialarbeit und Schulpsychologie stellt eine riesige Ressource für Schülerinnen und Schüler dar, um mit ihren Problemen zu Hause und in der Schule umzugehen. Hier zu kürzen – wie unlängst bei den Mitteln für die vorbeugende Unterstützung bei psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen auf Bundesebene geschehen –, ist ein Schritt in die falsche Richtung.
Ihr Vorgänger Quentin Gärtner hat das Thema „Mentale Gesundheit“ ja bereits im vergangenen Jahr stark in den Vordergrund gerückt. Wird Mental Health Schwerpunkt auch in Ihrer Amtszeit als Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz bleiben?
Amy Kirchhoff: Definitiv. Das Thema „Mentale Gesundheit“ ist genauso akut wie zu den Zeiten, als Quentin darüber gesprochen hat. Das Problem ist jedenfalls nicht eins, das wir von heute auf morgen lösen. Auch die neue Präsidentin der Bildungsministerkonferenz (BMK), Anna Stolz, hat es sich auf die Agenda gesetzt. Wir wünschen uns da eine enge Zusammenarbeit mit der BMK und mit dem Bundesbildungsministerium, um das Thema Mental Health in die einzelnen Länder und in die einzelnen Schulen zu tragen. Darüber hinaus stehen aber auch andere Themen auf der Tagesordnung.
Welche sind das?
Amy Kirchhoff: Wir haben in 2026 viele Landtagswahlen, und entsprechend müssen wir auch Richtung politische Bildung etwas machen. Das ist uns wirklich ein Anliegen. Meine Stellvertreter und ich kommen alle aus Ostdeutschland. Wir kommen aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Uns ist das Problem des wachsenden Rechtsextremismus in Schulen sehr bekannt.
Letztlich ist es aber ein gesamtdeutsches Problem. Und das zeigt sich natürlich nicht nur in den Wahlumfragen für die Landtagswahlen, sondern auch in den Jugendwahlen, in den U18-Wahlen und in den Gesprächen, die wir deutschlandweit in den Schulen führen. Und genau deswegen, sagen wir, müssen wir auch politische Bildung als Thema setzen und können das nicht hinten runterfallen lassen. Beides ist übrigens gar nicht so weit weg voneinander, wie man vielleicht denken mag.
Mentale Gesundheit und Resilienz, das ist immer auch ein Punkt, der die Demokratie fördert. Und genau deswegen sagen wir: Wir müssen das zusammendenken. Und das wollen wir dieses Jahr tun.
Abschließend noch ein Blick auf Ihre Person: Sie vertreten seit November 2025 die Stimmen der Lernenden bundesweit. Auch ohne Veranstaltungen wie den Bildungskongress investieren Sie sehr viel Zeit in das neue Ehrenamt. Bleibt Ihnen dabei selbst noch genug Luft, sich aufs Abitur vorzubereiten?
Ich habe das große Glück, dass ich in diesem Bildungssystem schon immer sehr gut lernen konnte. Ich versuche, möglichst viel im Unterricht anwesend zu sein, habe aber auch eine Schule, die mir da viel ermöglicht. Heute beispielsweise war ich in der Schule, bin aktuell noch auf dem Weg nach Berlin und werde morgen früh um acht wieder im Unterricht sitzen. Es ist auf jeden Fale viel Zeit dabei, die fürs Reisen draufgeht, die man aber auch fürs Lernen nutzen kann. Und das ist was – das lernt man im Ehrenamt!

